Mehr Regen – und dennoch mehr Dürre? Europas stiller Kipppunkt

Es klingt im ersten Moment wie ein Widerspruch, der in keiner PowerPoint-Präsentation so recht Platz finden will. Mehr Niederschlag und gleichzeitig ausgedörrte Böden? Man möchte fast sagen: Das passt doch nicht zusammen. Und doch ist genau das der Befund einer aktuellen Untersuchung britischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, veröffentlicht im renommierten Fachjournal Nature Geoscience.

Ich gebe zu: Auch ich habe beim ersten Lesen kurz innegehalten. Mehr Regen und trotzdem Dürre? Wirklich jetzt?

Aber die Daten sind eindeutig. Und sie erzählen eine Geschichte, die weniger spektakulär klingt als ein einzelnes Extremereignis, dafür aber strukturell umso brisanter ist.

Die Analyse zeigt, dass sich weite Teile Europas zunehmend zu Brennpunkten landwirtschaftlicher Dürre entwickeln. Und Europa steht damit keineswegs allein. Auch das südliche Afrika, der Westen Nordamerikas und nördliche Regionen Südamerikas rücken immer stärker in den Fokus. Es geht also nicht um ein isoliertes Phänomen, kein regionales Wetterpech. Es ist ein Muster. Ein wiederkehrendes.

Nicht schleichend. Nicht irgendwo am Rand der Statistik versteckt. Sondern spürbar auf den Feldern, in den Erträgen, in den Bilanzen.

Häufiger.
Intensiver.
Und vor allem: systematischer.

Für die Landwirtschaft bedeutet das eine stille, aber tiefgreifende Verschiebung der Risikolandschaft. Erträge werden volatiler. Planbarkeit schrumpft. Sicherheitsreserven, die früher vielleicht ein schlechtes Jahr abgefedert haben, werden dünner. Dünner, als vielen lieb ist.

Was diese Entwicklung besonders alarmierend macht, ist ihre Übereinstimmung mit bestehenden Klimaprojektionen. Die beobachteten Trends sind kein statistischer Zufall, keine Laune einzelner Jahre. Sie passen – fast beunruhigend präzise – zu dem, was Klimamodelle seit geraumer Zeit vorhersagen. Man könnte sagen: Die Theorie holt die Praxis ein. Oder umgekehrt.

Und genau hier liegt der eigentliche Kipppunkt.

Denn solange Veränderungen als Ausreißer wahrgenommen werden, lassen sie sich mental wegschieben. Ein extremes Jahr? Kommt vor. Zwei? Unglücklich. Aber wenn sich Muster verfestigen, wenn sich Risiken verdichten und in immer kürzeren Abständen wiederkehren, dann sprechen wir nicht mehr über Wetter. Dann sprechen wir über Strukturwandel.

Vielleicht ist das die unbequeme Botschaft dieser Studie: Nicht der einzelne trockene Sommer ist das Problem. Sondern die neue Normalität, die sich leise, fast unspektakulär, etabliert. Und genau darin liegt ihre Sprengkraft.

Wenn Regen nicht reicht: Das Missverständnis der Jahresbilanz

Vielleicht denken Sie: „Aber wir hatten doch zuletzt durchaus niederschlagsreiche Jahre?“ Ja, das stimmt. Nur greift diese Betrachtung zu kurz fast schon fahrlässig kurz.

Denn entscheidend ist nicht allein, wie viel Regen innerhalb eines Kalenderjahres fällt. Entscheidend ist, wann er fällt. Und was in den Böden passiert, bevor die Pflanzen überhaupt richtig in die Wachstumsphase starten.

Genau hier setzt die Studie an. Statt lediglich Jahresniederschläge auszuwerten, stellen die Forschenden eine andere Frage: Wie entwickelt sich die Bodenfeuchte im Wurzelraum während der Vegetationsperiode? Und – fast noch wichtiger – wie trocken ist der Boden bereits zu Beginn des Frühjahrs?

Das klingt technisch. Ist aber hochpraktisch. Landwirtinnen und Landwirte kennen das Problem aus eigener Erfahrung: Beginnt die Saison mit einem Wasserdefizit, dann kann selbst ein „durchschnittlicher“ Sommer dieses Minus kaum noch ausgleichen. Die Lücke bleibt. Und manchmal wächst sie weiter.

So simpel. So folgenreich.

Verdunstung schlägt Niederschlag: Der unsichtbare Mechanismus

Hinzu kommt ein Mechanismus, der in der öffentlichen Debatte erstaunlich selten im Mittelpunkt steht, obwohl er agrarisch von zentraler Bedeutung ist. Mit steigenden Temperaturen nimmt die Verdunstung deutlich zu, vor allem im Frühjahr. Genau in jener Phase also, in der Pflanzen keimen, Wurzeln bilden und auf eine verlässliche Wasserversorgung angewiesen sind.

Steigt die Temperatur um wenige Grad, erhöht sich die Fähigkeit der Luft, Feuchtigkeit aufzunehmen. Das klingt zunächst physikalisch nüchtern, hat jedoch konkrete Folgen: Böden verlieren Wasser schneller, als es durch zusätzliche Niederschläge ausgeglichen werden kann. Selbst wenn die Jahresbilanz mehr Regen ausweist, bedeutet das nicht automatisch, dass dieser zur richtigen Zeit verfügbar ist oder im Boden gespeichert bleibt.

Anders formuliert: Es geht nicht allein um die Menge, sondern um das Zusammenspiel von Temperatur, Verdunstung, Bodenstruktur und Vegetationsphase. Wenn warme Frühjahre die Austrocknung beschleunigen und Niederschläge unregelmäßiger fallen, entsteht ein Defizit, das sich im weiteren Saisonverlauf nur schwer kompensieren lässt. Der Boden beginnt die Wachstumsperiode gewissermaßen im Minus. Und dieses Minus wirkt nach.

Ein Bild drängt sich auf: Während die Temperaturen stetig steigen, versucht der Regen, Schritt zu halten. Doch er trifft auf Böden, die bereits Wasser verloren haben und es unter Umständen nicht mehr effizient speichern können. Das Kräfteverhältnis verschiebt sich.

Die Hauptautorin der Studie – Emily Black von der University of Reading – berichtet, dass ihr Forschungsteam regelmäßig mit einer grundlegenden Frage konfrontiert wird: Handelt es sich hierbei um natürliche Klimaschwankungen oder bereits um die Folgen des Klimawandels?

Ihre Antwort fällt differenziert aus, lässt jedoch wenig Interpretationsspielraum. Natürliche Variabilität existiert selbstverständlich. Doch wer ausschließlich Jahresmittelwerte betrachtet, verkennt die Dynamik innerhalb der Saison. Verschiebungen im Niederschlagszeitpunkt, trockenere Frühjahrsböden, erhöhte Verdunstung in sensiblen Wachstumsphasen – all diese Faktoren bleiben in aggregierten Jahreszahlen weitgehend unsichtbar. Genau dort jedoch entstehen die entscheidenden Risiken für die landwirtschaftliche Produktion.

Klimawandel, so Black, sei kein fernes Szenario, das erst kommende Generationen betreffe. In zahlreichen Regionen lasse sich bereits heute eine höhere Häufigkeit und Intensität von Dürren beobachten als in früheren Jahrzehnten. Diese Entwicklung ist messbar. Sie ist dokumentiert. Und sie wirkt sich konkret auf Erträge und Produktionsbedingungen aus.

Es handelt sich daher nicht um eine abstrakte Modellrechnung oder um theoretische Projektionen für das Jahr 2050. Es ist eine Veränderung, die vielerorts bereits eingesetzt hat und die landwirtschaftliche Entscheidungsprozesse im Hier und Jetzt beeinflusst.

Globale Ernährung: Beeindruckende Zahlen, fragile Basis

Ein Blick auf die weltweiten Produktionsdaten verdeutlicht, warum das Thema weit über die Landwirtschaft hinaus relevant ist. Nach Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) stieg die globale Getreideproduktion von 2010 bis 2024 um 27 Prozent auf rund 3,1 Milliarden Tonnen jährlich. Die Anbaufläche der wichtigsten Feldfrüchte lag 2024 bei etwa 1,5 Milliarden Hektar.

Beeindruckend, ohne Frage.

Aber: Rund 83 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen werden im Regenfeldbau bewirtschaftet. Sie liefern mehr als 60 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel. Mit anderen Worten: Der Großteil unserer Ernährung hängt direkt vom Niederschlag ab und damit von dessen zeitlicher Verteilung.

Bewässerung kann Erträge stabilisieren, ja. Doch sie ist kostenintensiv und mengenmäßig begrenzt. Zudem konkurriert sie mit Industrie, Energieerzeugung und städtischer Wasserversorgung. Die Landwirtschaft steht bereits heute für rund 70 Prozent der globalen Süßwasserentnahmen. Viel Luft nach oben? Eher nicht.

Neue Risiken in vermeintlich sicheren Regionen

Vielleicht ist es genau dieser Punkt, der die Studie politisch so brisant macht. Jahrzehntelang – wenn wir ehrlich sind – wurde das Thema Dürre vor allem mit Regionen in Verbindung gebracht, die ohnehin als klimatisch exponiert gelten: Teile Afrikas, Südasien, Lateinamerika. Der „globale Süden“ als Synonym für Verwundbarkeit. Europa? Galt lange als vergleichsweise robust. Technologisch fortschrittlich. Gut abgesichert.

Doch diese Gewissheit bekommt Risse.

Die Untersuchung macht deutlich: Anpassung an klimatische Veränderungen ist längst keine exklusive Aufgabe für ohnehin gefährdete Weltregionen mehr. Auch in den gemäßigten Breiten, in denen Erträge, Märkte und Infrastrukturen als stabil und berechenbar galten, entstehen neue systemische Risiken. Nicht abrupt – aber stetig. Und genau das macht sie so tückisch.

In Europa betrifft das insbesondere westliche Länder wie Frankreich und Deutschland sowie Teile Mittel- und Osteuropas. Agrarräume also, die über Jahrzehnte als verlässliche Produktionsstandorte wahrgenommen wurden. Regionen mit hochentwickelter Mechanisierung, guter Beratung, leistungsfähigen Lieferketten. Kurz gesagt: mit einem Selbstverständnis von Stabilität.

Und nun?

Nun zeigt sich, dass selbst diese Standorte nicht immun sind. Frühjahrsdürre, verschobene Niederschlagsmuster, längere Trockenphasen während sensibler Wachstumsstadien – all das verändert die Spielregeln. Ertragsschwankungen nehmen zu. Risiken kumulieren. Und sie betreffen nicht nur einzelne Betriebe, sondern ganze Wertschöpfungsketten.

Man könnte versucht sein zu sagen: „Das wird sich schon wieder einpendeln.“ Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Genau diese Unsicherheit ist das Problem.

Politisch bedeutet das einen Perspektivwechsel. Förderinstrumente, Versicherungsmodelle, Beratungssysteme – sie wurden vielfach unter Annahmen entwickelt, die von relativer klimatischer Konstanz ausgingen. Wenn sich jedoch die Basisannahmen verschieben, reicht kosmetische Anpassung nicht aus. Dann braucht es strukturelles Umdenken.

Und dieses Umdenken beginnt, so scheint es, erst langsam. Es betrifft Sortenwahl und Bodenmanagement ebenso wie Wasserstrategien, Risikobewertungen und langfristige Investitionsentscheidungen. Es betrifft Agrarpolitik genauso wie Unternehmensstrategien entlang der Lebensmittelkette.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Die neuen Risiken entstehen nicht am Rand des Systems, sondern in seinem Kern. Dort, wo man sich lange sicher fühlte.

Und genau deshalb verdienen sie besondere Aufmerksamkeit.

Was jetzt zählt: Anpassung als strategische Kernaufgabe

Für landwirtschaftliche Betriebe ebenso wie für politische Entscheidungsträger bedeutet das: Prävention statt Reaktion. Dürre-resiliente Sorten gewinnen an Bedeutung. Der gezielte Aufbau von Humus zur Verbesserung der Wasserspeicherfähigkeit wird zentral. Mulchverfahren, reduzierte Bodenbearbeitung, effizientere Bewässerungstechnologien – all das sind keine Nischenthemen mehr.

Ebenso wichtig: Beratungsansätze, die saisonale Dynamiken stärker berücksichtigen, sowie Frühwarnsysteme, die nicht nur Niederschlagsmengen erfassen, sondern auch Bodenfeuchte und Vegetationsbeginn einbeziehen.

Das ist kein kleiner Instrumentenkasten. Es ist eine strategische Neuausrichtung.

Mehr Regen allein wird die Herausforderung nicht lösen. Entscheidend ist, wie wir mit den veränderten Rahmenbedingungen zwischen Atmosphäre und Wurzelzone umgehen.

Oder, etwas zugespitzt formuliert: Nicht der Blick auf die Jahresstatistik entscheidet – sondern das Verständnis für das, was im entscheidenden Moment im Boden geschieht.