Wer kennt sie nicht, die saftig-roten, süßen Erdbeeren, die im Sommer jedes Jahr aufs Neue unsere Sinne verzaubern? Doch die Vielfalt, die wir heute im Supermarkt sehen, ist erst die Spitze des Eisbergs – darunter schlummern zahllose alte, beinahe vergessene Sorten, deren einzigartiges Aroma und robuste Eigenschaften es verdienen, wiederentdeckt zu werden. In diesem Beitrag nehmen wir Sie mit auf eine Zeitreise: von den Ursprüngen der Gartenerdbeere über ihre Entstehung als Hybrid bis hin zu den Pionieren, die in Frankreich und Deutschland die Basis für unsere modernen Züchtungen legten. Ganz nebenbei erfahren Sie, wie Sie selbst dazu beitragen können, diese Schätze in Ihrem Garten zum Blühen zu bringen.
Die Ursprünge der Gartenerdbeere
Bereits Jahrtausende bevor die heute allgegenwärtige Gartenerdbeere (Fragaria × ananassa) in unseren Beeten Einzug hielt, hatten sich Menschen auf mehreren Kontinenten aufgemacht, wilde Erdbeerarten zu sammeln und zu kultivieren. Diese frühen Sammler und Gärtner legten den Grundstein für die enorme Vielfalt, die wir heute kennen.
In Europa waren zwei Arten besonders präsent:
- Die Walderdbeere (Fragaria vesca): Eine zierliche, aber besonders aromatische Wildform, die in Waldrändern und auf sonnigen Lichtungen wuchs. Schon die Kelten und später die klösterlichen Gärten des Mittelalters schätzten ihr nussiges Aroma und ihre zarte Süsse. Walderdbeeren liefern vergleichsweise wenige Früchte pro Pflanze, überraschen aber mit einer Intensität, die modernen Großfruchtsorten oft fehlt.
- Die Moschuserdbeere (Fragaria moschata): Ebenfalls heimisch in Europa, punktet sie mit einem unverwechselbaren Moschusduft und einer feinen, beinahe exotischen Note. Ihre Früchte sind etwas größer als die der Walderdbeere und reifen meist im Frühsommer. Gärtner schätzten sie bereits im Barock für ihre geschmackliche Feinheit und experimentierten ab dem 17. Jahrhundert mit Vermehrungsverfahren.
Doch der sprichwörtliche Quantensprung gelang erst, als im 18. Jahrhundert zwei amerikanische Arten über den Atlantik kamen:
- Fragaria virginiana, die Scharlacherdbeere: Bei indigenen Völkern Nordamerikas lange vor Kolumbus in Gebrauch, zeichnete sie sich durch kleine, aromatisch-säuerliche Früchte aus, die bereits im April prall reiften. Ihre bemerkenswerte Frosthärte und Kältetoleranz prägten später die Winterfestigkeit vieler Gartensorten.
- Fragaria chiloensis, die Chile-Erdbeere: Ihre Heimat liegt an den windumtosten Pazifikstränden und in den Anden bis 1.500 m Höhe – kein Wunder also, dass sie sich an unterschiedlichste Standorte anpassen kann. Mit ihren großen, festen, hellfleischigen Beeren und der langen Lagerfähigkeit brachte sie den dringend benötigten Ertragsschub in Europa.
Dass aus diesen wildwüchsigen Urformen irgendwann eine kultivierbare „Superbeere“ entstand, verdanken wir dem Zufall ebenso wie dem Forscherdrang leidenschaftlicher Gärtner. Ein Blick in altüberlieferte Bauerngärten verrät oft noch heute, wo sich Nachfahren dieser ursprünglichen Linien verstecken: Achten Sie auf robuste, ausdauernde Pflanzen mit kleinen Ausläufern – darunter steckt mit hoher Wahrscheinlichkeit das Erbe unserer wilden Erdbeer-Pioniere.
Wie die Hybridisierung begann – Die Anfänge der Scharlach- und Chile-Erdbeere in Europa
Im frühen 17. Jahrhundert war die Botanik am französischen Hof von Louis XIII. in voller Blüte. Jean Robin, der damals als königlicher Gärtner und Botaniker wirkte, unternahm es, sämtliche in Frankreich kultivierten Pflanzen systematisch zu katalogisieren. In seinen Aufzeichnungen aus den 1620er-Jahren findet sich erstmals ein Eintrag zur Scharlacherdbeere (Fragaria virginiana) – einer Art, die er aus Nordamerika erhalten hatte und die sich durch ihre Frosthärte und ihr aromatisch-säuerliches Fruchtfleisch auszeichnete. Trotz dieser vielversprechenden Eigenschaften waren die Früchte jedoch noch recht klein und trafen nicht den damaligen Geschmack europäischer Feinschmecker, die pralle, süße Beeren bevorzugten.
Die Einführung der Chile-Erdbeere durch Amédée François Frézier
Einhundert Jahre später, im Jahr 1714, schrieb die Geschichte eine neue Wendung: Amédée François Frézier, ein französischer Marineoffizier und leidenschaftlicher Naturforscher, kehrte von einer Expedition aus Chile zurück – und brachte fünf Pflanzen der Chile-Erdbeere (Fragaria chiloensis) mit nach Europa. Überlieferungen zufolge handelte es sich dabei ausgerechnet um fünf weibliche Exemplare, die ohne männliche Bestäuber jahrelang blüten-, aber eben auch fruchtlos blieben.
Zufallskreuzung in französischen Gärten
Während die Scharlach- und die Chile-Erdbeere in unterschiedlichen französischen Gärten Fuß fassten, standen sie mancherorts nur wenige Meter voneinander entfernt – ein Umstand, der niemand bewusst herbeiführte. Doch die Natur kennt keine Grenzen: Pollen der robusten Scharlacherdbeere gelangte unbemerkt auf die weiblichen Blüten der Chile-Erdbeere und umgekehrt. Aus dieser spannenden, wenn auch zufälligen Kreuzung wuchsen ab den 1730er-Jahren erste Pflanzen heran, die das Beste beider Elternarten in sich vereinten: größere Beeren, robuste Wuchseigenschaften und ein intensives, süß-aromatisches Profil.
Antoine Nicolas Duchesne: Der Entdecker der neuen Hybridart
Erst 1766 gelang es Antoine Nicolas Duchesne, einem jungen Botaniker und unerwarteten Schützling des französischen Königshauses, die wahre Herkunft dieser bemerkenswerten Erdbeeren aufzuklären. Im Trianon-Garten von Versailles hatte er umfangreiche Bestäubungsexperimente durchgeführt und akribisch Blütenpaare dokumentiert. Mithilfe sorgfältiger Pflanzprotokolle erkannte Duchesne schließlich, dass die neuen Erdbeeren weder reine Chile- noch reine Scharlacherdbeeren waren, sondern eine eigenständige Hybridart – die Urmutter unserer heutigen Gartenerdbeere. In seiner 1766 veröffentlichten Abhandlung beschrieb er detailliert Blütenstruktur, Pollenübertragungen und Fruchtmerkmale, wodurch die Existenz von Fragaria × ananassa offiziell bestätigt wurde.
Praktischer Einblick für Gartenfans: Wenn Sie in Ihrem Garten verschiedene Erdbeerarten nebeneinander stehen haben, beobachten Sie im Frühjahr genau, welche Pflanzen ihre Ausläufer kreuzen. Markieren Sie Blüten vor der Öffnung, um kontrollierte Bestäubungen durchzuführen – so können Sie selbst kleine Experimente wagen und vielleicht eine neue, geschmackvolle Sorte züchten!
Meilensteine in Frankreich
Versailles und der Trianon-Garten
Ab etwa 1770 öffnete sich für Antoine Nicolas Duchesne eine einmalige Chance: Im abgelegenen Trianon-Garten von Schloss Versailles, weit entfernt vom Trubel am Hof, erhielt er Zugang zu allen zu jener Zeit in Europa bekannten Erdbeerarten. Unter der Aufsicht von Bernard de Jussieu, dem königlichen Botaniker und Mentor Duchesnes, konnte er systematisch jede einzelne Pflanze kultivieren und in akribisch geplanten Kreuzungsreihen Bestäubungen vornehmen.
- Experimentelle Vielfalt: Duchesne legte streng dokumentierte Parzellen an, in denen er sowohl Walderdbeeren als auch Moschus-, Scharlach- und Chile-Erdbeeren anpflanzte. Jeder Ausläufer, jede Blüte wurde beschriftet und protokolliert – eine Pionierarbeit in Sachen Pflanzengenetik.
- Botanische Zeichnungen: Die von Duchesne angefertigten Illustrationen zeichnen sich durch Detailreichtum aus: Blütenquerschnitte, Pollenstrukturen und Fruchtreifephasen sind dort minutiös festgehalten. Diese Zeichnungen werden noch heute als bedeutende Quellen über die Morphologie früher Erdbeersorten geschätzt.
- Resultate: Schon nach wenigen Jahren zeigten sich Pflanzen mit bemerkenswerten Eigenschaften: größere Früchte als je zuvor in Versailles geerntet, eine solide Krankheitsresistenz und ein intensives Aroma, das Duchesne später in seiner berühmten Abhandlung hervorhob.
Die Rolle des Hofs als Ideengeber und Geldgeber
Ohne die Förderung durch den französischen Königshof wäre diese Blütenexplosion der Erdbeerzüchtung kaum denkbar gewesen. Zwei zentrale Faktoren spielten dabei eine herausragende Rolle:
- Wissenschaftliches Klima: Louis XV. hatte ein ausgeprägtes Interesse an Naturwissenschaften, beauftragte seinen Hofbotaniker mit Reisen in ganz Europa und lud Gelehrte zum Austausch nach Versailles ein. So entstand ein Netzwerk von Pflanzenkundlern, das duch ständigen Austausch neue Ideen lieferte.
- Finanzielle Ressourcen und Infrastruktur: Der Hof unterhielt Gewächshäuser mit modernster Technik, in denen exotische und heimische Arten unter idealen Bedingungen wuchsen. Heizbare Orangerien ermöglichten auch im Winter Kontinuität im Experimentieren. Diese Infrastruktur stellte sicher, dass Duchesne und seine Kollegen sich ganz auf ihre Zuchtarbeiten konzentrieren konnten, ohne wetterbedingt pausieren zu müssen.
Man stelle sich vor, wie die Quellenlaternen von Versailles in der Dämmerung flackern, während ein junger Duchesne spätabends noch einzelne Blüten mit feinem Pinsel bestäubt – eine fast schon romantische Szenerie, die zeigt, wie Leidenschaft und königliche Förderung Hand in Hand eine der größten pflanzenbiologischen Entdeckungen ihrer Zeit ermöglichten.
4. Die Erdbeere erobert Deutschland
Während im 18. Jahrhundert in Frankreich eifrig an neuen Zuchtlinien gefeilt wurde, gelangte die Gartenerdbeere schon bald auch über den Ärmelkanal auf die Höfe und in die Gärten Deutschlands. Hier ein Blick auf die Wegbereiter und ihre Meilensteine:
Herrenhausen und der Kurfürst als Pionier (1751)
Im Jahr 1751 ließ Kurfürst Georg II. von Hannover, zugleich König von Großbritannien, in den weitläufigen Anlagen der Herrenhäuser Gärten die ersten großfruchtigen Erdbeerpflanzen kultivieren. Man kann sich gut vorstellen, wie Hofgärtner in den frostigen Morgenstunden die zarten Jungpflanzen in akribisch vorbereitete Beete setzten – ein Novum für die Region, die bis dato vor allem heimische Wildformen kannte. Die anfänglichen Erträge waren noch überschaubar, aber die Neugier war geweckt: Königs- und Hofgesellschaft erfreuten sich gleichermaßen an der neuen Frucht.
Gottlieb Göschke und der erste deutsche Sortenmarkt (1870)
Rund 120 Jahre später, 1870, setzte Gottlieb Göschke aus Köthen einen entscheidenden Impuls: Als Hofgärtner des Herzogs von Anhalt legte er eine Reihe eigener Kreuzungen vor, die erstmals unter einem Sortennamen auf den Markt kamen. Mit Sorten wie „Köthener Rote“ und „Anhaltinische Süße“ demonstrierte er, dass deutsche Züchter souverän mit den europäischen Großfruchtsorten mithalten konnten. Sein Vorgehen war damals schon bemerkenswert systematisch: Göschke testete jahrgangsweise die Fruchtgröße, den Geschmack und die Widerstandsfähigkeit gegen Pilzkrankheiten – Kantigkeit und Routine, wie wir sie heute in jedem professionellen Zuchtprogramm finden.
Frankfurter Feinschmecker und Pillnitzer Präzision (spätes 19. Jh.)
Parallel zu Göschke arbeiteten Johannes Böttner in Frankfurt (Oder) und Professor Otto Schindler in Pillnitz an ihren eigenen Gehversuchen. Böttner setzte verstärkt auf warme Lagen und entwickelte stabile Sorten, die selbst in den sandigen Böden der Oderbruch-Region prall reiften. Schindler hingegen testete im königlichen Versuchsgarten in Pillnitz unermüdlich unterschiedlichste Pflegemaßnahmen – von organischen Düngergaben bis zu gezielten Rückschnitttechniken. Sein Name ist untrennbar mit der späteren Sorte „Mieze Schindler“ verbunden, die u. a. wegen ihres betörenden Rosendufts berühmt wurde.
Die Legende Senga Sengana (1942)
Der wohl bekannteste Quantensprung gelang 1942 Professor von Sengbusch am Institut für Pflanzenbau. Seine Sorte „Senga Sengana“ überraschte mit einer Kombination aus saftig-rotem Fruchtfleisch, hoher Ausbeute pro Pflanze und hervorragender Eignung für die aufstrebende Tiefkühlobst-Industrie. Bis heute ist „Senga Sengana“ in deutschen Gärten und in der Lebensmittelverarbeitung fest verankert – ein Beweis dafür, wie eng Züchtungsfortschritt und praktische Markterfordernisse zusammenhängen.
Insider-Tipp für Hobbygärtner:
Viele historische Sorten wie „Anhaltinische Süße“, „Mieze Schindler“ oder sogar originale „Senga Sengana“ finden Sie noch in den Genbanken der Landesanstalten. Wer Saatgut oder Jungpflanzen direkt aus diesen Sammlungen bezieht, sichert nicht nur seltenes Erbgut, sondern erlebt auch die Geschichten und Aromen vergangener Generationen im eigenen Beet.
Mit diesen Meilensteinen haben deutsche Züchter und Gärtner nicht nur die Gartenerdbeere lokal verankert, sondern auch entscheidende Impulse für die heutige Sortenvielfalt gesetzt. Ihre Arbeit erinnert uns daran, dass die Früchte, die wir heute genießen, das Ergebnis von Jahrhunderten voller Experimentierfreude, Hingabe und botanischem Sachverstand sind.
Moderne Züchtung und praktische Anwendung – Vom Massenanbau zur Geschmacksoase – Warum alte Sorten jetzt begehrter sind
Im Zuge der Industrialisierung rückten vor allem Quantität, Transportfähigkeit und Krankheitsresistenz ins Zentrum der Züchtung. Erdbeeren mussten landwirtschaftliche Maschinen verkraften, lange Transportwege überstehen und in großen Verpackungen unversehrt bleiben. Dabei geriet die geschmackliche Vielfalt oft in den Hintergrund: Viele der frühen Hybriden schmeckten zwar süß, fehlten ihnen aber die feinen Aromen und die lebendige Textur ihrer Ahnen.
Doch seit einigen Jahren zeichnet sich ein starker Gegentrend ab: Die Slow-Food-Bewegung und immer mehr lokale Erzeuger setzen ganz bewusst wieder auf alte, traditionelle Sorten. Hier punktet die „Ur-Erdbeere“ mit Nuancen von Rosenblättern, einem Hauch Zitrus oder erdiger Würze – Eigenschaften, die moderne Großfruchtsorten kaum bieten können. Wer einmal eine voll ausgereifte „Mieze Schindler“ oder die aromatisch-exotische „Charlotte“ gekostet hat, versteht sofort, weshalb Liebhaber und Gourmets inzwischen eine Neuentdeckung historischer Stämme feiern.
So fördern Sie traditionelle Erdbeersorten in Ihrem Garten
- Bezugsquellen gezielt erschließen
Alte Sorten sind nicht überall leicht zu bekommen, doch es gibt spezialisierte Adressen:- Regionale Gartensparten und Tauschbörsen: In vielen Gemeinden organisieren Obst- und Gartenbauvereine Saatguttausch-Tage, auf denen seltene Sorten weitergegeben werden.
- Genbanken und Saatgutarchive: Die Bundesanstalt für Züchtungsforschung und einzelne Landesanstalten hüten Sammlungen historischer Sorten. Auf Anfrage lassen sich dort oft sowohl Saatgutpakete als auch Jungpflanzen bestellen.
- Online-Plattformen für alte Sorten: Einige Anbieter haben sich deutschlandweit auf historisches Saatgut spezialisiert und liefern per Post Jungpflanzen oder Ausläufer. Achten Sie auf zertifizierte, sortenechte Ware.
- Optimale Standortwahl – die Basis für kräftiges Wachstum
Alte Sorten sind zwar meist robuster gegenüber Schädlingen und Krankheiten, benötigen aber einen abwechslungsreichen Boden:- Humusreicher Lehmboden: Mischen Sie Gartenerde mit reifem Kompost im Verhältnis 2 : 1. Humus speichert Wasser und Nährstoffe, was gerade bei traditionell robusten, aber nicht chemisch gedüngten Sorten entscheidend ist.
- Gute Drainage: Erdbeeren mögen keine Staunässe. Legen Sie vor dem Pflanzen eine dünne Kies- oder Perlagschicht unter Ihre Beete und arbeiten Sie groben Sand ein.
- Sonnige, windgeschützte Lage: Viele historische Sorten stammen ursprünglich aus geschützten Waldrändern oder Hanglagen. Ein sonniger Platz, idealerweise vor einer Hauswand oder unter einem niedrigen Schutzzaun, steigert Ertrag und Aroma.
- Pflege mit Weitblick – Gesunde Pflanzen durch konsequentes Management
Um Pilzkrankheiten und Mehltau in Schach zu halten, zahlt sich regelmäßige Routine aus:- Alte Blatttriebe entfernen: Schneiden Sie im Spätherbst und spätestens im Frühjahr alle braunen und schwachen Blätter direkt am Stielansatz ab. Dadurch reduzieren Sie Infektionsherde und fördern neue, kraftvolle Triebe.
- Mulchen: Bedecken Sie das Beet im Winter mit einer leichten Schicht Stroh oder Laub. Das schützt vor Frost und sorgt im Frühjahr für eine gleichmäßige Bodenfeuchte.
- Natürliche Spritzmittel: Setzen Sie bei starkem Befall auf Bio-Alternativen wie Brennnessel- oder Ackerschachtelhalm-Jauche. Sie stärken die pflanzeneigene Abwehr und sind völlig unbedenklich für Mensch und Tier.
- Sortenechte Vermehrung – Ausläuferpflege und Horstteilung
Viele moderne Sorten werden vegetativ vermehrt, doch bei Traditionssorten lohnt sich ein achtsamerer Ansatz:- Ausläufer-Auswahl: Lassen Sie nur wenige, kräftige Ausläufer wachsen und verankern Sie diese gezielt in Töpfen mit Erde neben der Mutterpflanze. So erhalten Sie genetisch identische Jungpflanzen, ohne andere Sorten zu mischen.
- Horstteilung: Nach drei bis vier Jahren empfehlen erfahrene Züchter, ältere Pflanzengruppen zu teilen. Heben Sie die Horste vorsichtig aus, kappen Sie die Ränder und pflanzen Sie die in der Mitte verbleibende, vitale Rosette wieder an gleicher Stelle. Die frisch gesetzten Teilstücke bringen höhere Erträge und bewahren die Sortenechtheit.
- Ernte und Lagerung – Das volle Aroma bewusst bewahren
Der letzte, oft unterschätzte Schritt entscheidet über Ihr Geschmackserlebnis:- Sanfte Ernte: Pflücken Sie die Beeren am besten morgens, wenn sie kühl sind und das Aroma am höchsten konzentriert ist. Greifen Sie an der Kelchbasis und drehen Sie die Frucht leicht, um den Stiel nicht zu beschädigen.
- Kurzkühlung: Kühlen Sie die gepflückten Erdbeeren sofort auf 4 – 6 °C. So verhindern Sie Nachreifung und Aromaverlust.
- Schnelle Verarbeitung: Ob Marmelade, Kompott oder frisch auf dem Teller – je kürzer die Zeit zwischen Ernte und Genuss, desto lebendiger der Geschmack. Lagern Sie Erdbeeren niemals länger als 48 Stunden, wenn Sie das ursprüngliche Aroma wahren möchten.
Indem Sie alte Erdbeersorten bewusst fördern, schaffen Sie nicht nur ein Stück lebendige Kulturgeschichte in Ihrem Garten, sondern entdecken auch ganz neue Geschmackserlebnisse. Ein bisschen Geduld, sorgfältige Pflege und der Austausch mit Gleichgesinnten sind die Schlüssel zu üppigen Beerenernten, die sich von der Massenware im Supermarkt deutlich abheben. Viel Freude beim Probieren und Genießen!
Warum sich die Mühe lohnt
Geschmacksexplosion
Wer einmal eine vollreife „Mieze Schindler“ gekostet hat, erinnert sich lange an dieses Erlebnis: Zarte Blütennoten, ein Hauch Zitrus und eine ganz leichte Würze, die auf der Zunge nachklingt. Sorten wie „Charlotte“ bringen sogar Anklänge an Erdmandel und Vanille ins Spiel. Dieses sensorische Abenteuer entsteht nur, weil traditionelle Züchtungen durch langsame Selektion ihr volles Aromapotenzial entfalten konnten – ganz ohne künstliche Beschleuniger.
Biodiversität stärken
Jeder Garten, in dem alte Erdbeersorten wachsen, wird zum lebendigen Reservat für seltene Genvarianten. Wo heute einheitliche Hybride das Bild bestimmen, blühen morgen vielleicht robuste Frühjahrsformen, die extremen Trockenphasen trotzen oder besondere Duftstoffe ausbilden. Die genetische Vielfalt bedeutet zugleich eine Versicherung gegen künftige Herausforderungen wie neue Schädlinge oder Klimaextreme.
Geschichte erleben
Pflanzt man eine „Senga Sengana“, steht man fast im Dialog mit Professor von Sengbusch in den 1940er-Jahren; bei jeder Pflanzung erinnert man sich an Antoine N. Duchesne und seine nächtlichen Bestäubungsversuche in Versailles. Diese emotionale Brücke zwischen Gärtnern gestern und heute macht das Gärtnern zu einer spannenden Zeitreise – und jedes Aroma zur lebendigen Anekdote.
Nachhaltigkeit
Traditionelle Sorten sind oft genügsamer als moderne Hybride, weil sie sich in Jahrtausenden an wechselnde Standorte und Wetterlagen angepasst haben. Viele kommen problemlos mit wenig oder gar keinem chemischen Pflanzenschutz aus. Für ökologisch orientierte Gärtner bedeutet das weniger Aufwand, weniger Kosten und eine grünere Bilanz – ganz abgesehen vom guten Gefühl, mit jeder Pflanze einen kleinen Beitrag zum Naturschutz zu leisten.
Mit jedem Beet historischer Erdbeersorten legen Sie somit nicht nur den Grundstein für außergewöhnliche Geschmackserlebnisse, sondern fördern aktiv Artenvielfalt, Nachhaltigkeit und das lebendige Vermitteln botanischer Geschichte. Probieren Sie es aus – Ihr Gaumen und unsere Umwelt werden es Ihnen danken!
Fazit: Ein Erbe, das auf der Zunge verführt
Die Geschichte der Erdbeerzüchtung vereint Glücksmomente des Zufalls mit der unermüdlichen Präzision leidenschaftlicher Gartenpioniere – von den wilden Stränden Chiles über die blühenden Alleen von Versailles bis in die liebevoll gepflegten Gärten Köthens. Wenn Sie heute eine historische Erdbeersorte in Ihrem Beet hegen, schenken Sie nicht nur Ihrem Gaumen ein Feuerwerk an Aromen, sondern werden zugleich Hüter eines lebendigen Kulturerbes.
Lassen Sie sich von jeder Knospe, jedem Ausläufer und jeder frisch geernteten Frucht zu einer kleinen Zeitreise inspirieren: Spüren Sie die Begeisterung, mit der Jean Robin die Scharlacherdbeere zeichnete, nicken Sie im Geiste mit Antoine Duchesne, wenn er im Mondlicht bestäubte, und freuen Sie sich mit den deutschen Züchtern, die mit „Senga Sengana“ und „Mieze Schindler“ ganze Generationen von Erdbeerliebhabern verzauberten.
Ob im Kreis Ihrer Familie, unter Freunden oder ganz für sich allein – diese alten Sorten lohnen jede Stunde, die Sie in die Pflege investieren. Denn sie verbinden Sie mit einer Tradition, die zeigt, wie viel Herzblut und Forschergeist in der Entwicklung unserer Lieblingsbeere stecken. Gönnen Sie sich diese süße Belohnung – Ihre Sinne und Ihre Gäste werden es Ihnen danken!
