Über leere Wiesen, hungrige Raupen und was jeder von uns heute noch tun kann
Erinnern Sie sich noch an Kindheitssommer, in denen ein Gang durch die Wiese bedeutete, aufzupassen, wohin man tritt, weil überall etwas flatterte, krabbelte, summte? Heute gehen viele Menschen den gleichen Weg, und es ist still. Kein Admiral, kein Tagpfauenauge, kaum ein Zitronenfalter. Die Wiese sieht grün aus, der Garten blüht, und trotzdem fehlt etwas. Dieses leise Verschwinden ist kein Zufall und kein natürlicher Rhythmus. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger Veränderungen in unserer Landschaft, die für Schmetterlinge buchstäblich lebensfeindlich geworden ist.
Schmetterlinge sind dabei nur die sichtbarste Gruppe in einem viel größeren Zusammenbruch. Sie sind bunt, beliebt, und deshalb fallen sie auf, wenn sie fehlen. Was hinter ihrem Verschwinden steckt, ist komplizierter als ein einfaches „zu wenige Blumen”. Und was jeder Einzelne dagegen tun kann, ist vielleicht einfacher, als man denkt.
Ein Blick auf die Zahlen: Was die Wissenschaft sagt
Wer die Entwicklung der letzten Jahrzehnte nüchtern betrachtet, wird nachdenklich. Die sogenannte Krefelder Studie, die erste Langzeitstudie ihrer Art, stellte über einen Zeitraum von 27 Jahren einen Rückgang der Fluginsekten-Biomasse um 76 Prozent fest. Ehrenamtliche Insektenkundler des Entomologischen Vereins Krefeld hatten in verschiedenen deutschen Naturschutzgebieten an über 60 Standorten Fallen platziert und konnten diesen Trend über alle Standorte hinweg nachweisen. Das ist keine Randnotiz mehr, das ist ein Alarmsignal.
Schmetterlinge sind besonders stark betroffen. Der Bestand der Großschmetterlinge sank um 56 Prozent. In Bayern kam es bei Schmetterlingen zu einem Rückgang der Artenzahlen um 13 Prozent, bei den Populationsgrößen zu noch größeren Einbrüchen. Und das sind nur die Arten, die wir gut kennen. Bei den weniger bekannten Nacht- und Kleinfaltern sieht die Datenlage noch düsterer aus.
Über 50 Prozent der Tagfalterarten stehen heute auf der Roten Liste Deutschlands. Das heißt konkret: Jede zweite Tagfalterart, die in Deutschland vorkommt, gilt als gefährdet, stark gefährdet oder ist vom Aussterben bedroht. Und das in einem Land, das immerhin 15 Prozent seiner Fläche als Schutzgebiete ausgewiesen hat.
Das Bild in Europa ist ähnlich düster. In 16 europäischen Ländern hat sich der Bestand von Schmetterlingen des Grünlands zwischen 1990 und 2015 um etwa ein Drittel verringert. Der Rückgang ist also kein deutsches Phänomen, sondern ein kontinentales Problem.
Beim NABU NRW meldeten sich 2024 Teilnehmer der jährlichen Zählaktion mit einer einfachen Frage: Wo sind denn die ganzen Schmetterlinge? „2023 war bereits ein außerordentlich schlechtes Schmetterlingsjahr. Dieses Jahr schließt daran nahtlos an”, kommentierte Karl-Heinz Jelinek, Schmetterlingsexperte des NABU NRW, die Ergebnisse. Zwei schlechte Jahre hintereinander, das ist kein Wetter mehr. Das ist Trend.
Die Hauptursachen: Mehr als nur fehlende Blumen
Wenn man Menschen fragt, warum es weniger Schmetterlinge gibt, hört man oft: „Zu wenige Blumen, zu viel Beton.” Das stimmt, aber es greift zu kurz. Die eigentliche Geschichte ist komplexer.
Intensivlandwirtschaft und das Ende der Vielfalt
„Unstrittig ist, dass der landwirtschaftlichen Nutzung eine Schlüsselrolle zukommt. Dies zeigt sich im Vergleich mit den Schmetterlingsarten, die in unseren Wäldern leben – dort ist der Rückgang verglichen mit der Feldflur weniger dramatisch.” Da rund 50 Prozent der Fläche Deutschlands aus Äckern und Wiesen besteht, sind sie vor dem Hintergrund ihrer quantitativen Bedeutung der zentrale Lebensraum der Schmetterlinge.
Was in der modernen Landwirtschaft für Schmetterlinge zum Problem wird, ist nicht eine einzelne Maßnahme, sondern das Zusammenspiel mehrerer. Veränderte Landnutzung im Offenland durch Intensivierung der Landwirtschaft mit Monokulturen, häufigem Einsatz von Pestiziden und dem Verschwinden von mehrjährigen, ungenutzten Brachen sind dabei zentrale Faktoren. Brachen, Wegränder mit Wildkräutern, blühende Ackerränder, Hecken zwischen Feldern: All das ist in den letzten Jahrzehnten systematisch verschwunden, weil es als „unproduktiv” galt. Für Schmetterlinge waren es die wichtigsten Lebensräume überhaupt.
Das Gift-Problem: Wenn Pestizide weiter wirken als gedacht
So machen Fachleute die zunehmende Kontamination von Naturschutzgebieten mit Pestiziden wie dem Fungizid Fluopyram, das sich offenbar immer weiter im Boden anreichert und höchstwahrscheinlich auch insektizid wirkt, verantwortlich für einen Teil des zu verzeichnenden Falterschwundes. Das ist ein Befund, der aufhorchen lässt: Selbst in Schutzgebieten kommen Schadstoffe an, die dort eigentlich nichts zu suchen haben.
Im Jahr 2022 haben Pestizid-Hersteller alleine in Deutschland 32.138 Tonnen Pestizide verkauft. Der Absatz von Pestiziden in Deutschland ist damit bereits zum dritten Mal in Folge gestiegen. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Bewusstsein für das Problem steigt der Verbrauch also weiter.
Die Wirkung ist nicht immer direkt. Oft verhungern Raupen nicht, weil sie vergiftet wurden, sondern weil ihre Futterpflanzen durch Herbizide verschwunden sind. Von dreizehn untersuchten Faktoren der landwirtschaftlichen Intensivierung hatte der Gebrauch von Insektiziden und Fungiziden die schädlichsten Auswirkungen auf die Biodiversität.
Besonders problematisch sind die sogenannten Neonikotinoide. Neonikotinoide, die zu den Insektiziden gehören, weisen gegenüber bestäubenden Insekten wie Bienen eine sehr hohe Toxizität auf. Bienen und andere bestäubende Insekten können den Wirkstoffen über verschiedene Pfade ausgesetzt sein, zum Beispiel können Pollen und Nektar der behandelten Pflanzen Pestizidrückstände enthalten. Was für Bienen gilt, trifft Schmetterlinge genauso.
Urbanisierung und der aufgeräumte Garten
Städte wachsen, versiegelte Flächen nehmen zu, und selbst dort, wo Grün vorhanden ist, fehlt oft das Richtige. Unter anderem leiden Schmetterlinge unter dem immer kleiner werdenden Lebensraum. Dazu trägt beispielsweise die Urbanisierung bei. Und auch Insektizide machen ihnen zu schaffen.
In privaten Gärten kommt hinzu, was Biologen den „Herbstputz-Effekt” nennen: Das intensive Zurückschneiden der Vegetation vor dem Winter ist besonders für überwinternde Puppen gefährlich. Die in den Sträuchern und Zweigen versteckten Puppen verlieren dadurch ihren Überwinterungsort und können, gefangen in der Puppenhülle, keinen neuen Ort aufsuchen.
Und dann ist da noch der Sommerflieder, der gut gemeinte Klassiker in Schmetterlingsratgebern. Sommerflieder (Buddleja spec.) kann sich negativ auf die Schmetterlingspopulationen auswirken, da die Raupen dessen Blätter nicht fressen und folglich auf dem Sommerflieder verhungern. Er lockt die Falter mit Nektar an, bietet aber keine Möglichkeit zur Fortpflanzung. Ein voller Tisch ohne Kinderzimmer, sozusagen.
Der Klimawandel als Verstärker
Klimaveränderungen kommen als weiterer Stressfaktor hinzu. Verstärkt wird die Entwicklung nun noch durch die Auswirkungen des Klimawandels. Trockenheitsphasen lassen Futterpflanzen früher vertrocknen, milde Winter stören die Überwinterung empfindlicher Arten, und extreme Hitzeereignisse setzen selbst wärmeliebenden Faltern zu. Der Klimawandel allein erklärt den Rückgang nicht, aber er verschärft eine ohnehin kritische Situation.
Das eigentliche Problem: Die Raupe braucht das Richtige
Hier liegt ein Denkfehler, der sich erstaunlich hartnäckig hält: Viele Menschen denken, Schmetterlinge zu fördern bedeute, Blumen zu pflanzen. Bunte Blüten, viel Nektar, fertig. Das ist gut gemeint, aber es greift zu kurz.
Ein Schmetterling verbringt den größten Teil seines Lebens nicht als Falter, sondern als Raupe. Und Raupen fressen nicht beliebig. Die Raupen können sich nur auf „ihren” Pflanzenarten entwickeln. Fehlt die entsprechende Futterpflanze, fehlen auch die Schmetterlinge.
Schmetterlinge legen ihre Eier nur an solchen Pflanzen ab, die ihren Raupen als Futterpflanzen dienen. Die nimmersatten Raupen brauchen eine Menge Energie, um sich in einen Falter zu verwandeln.
Das klingt banal, hat aber weitreichende Konsequenzen. Es reicht nicht, irgendwelche Wildblumen zu säen. Es braucht die richtigen Pflanzen für die richtigen Arten. Und genau diese artspezifischen Bindungen sind es, die das Problem so schwer lösbar machen: Wer die Futterpflanze verliert, verliert die Art. Ohne Wenn und Aber.
Wer braucht was? Ein Blick auf unsere heimischen Falter
Die Brennnesselfalter
Vielleicht überrascht es, dass ausgerechnet das lästige Unkraut im Eck des Gartens zu den wichtigsten Schmetterlingspflanzen Deutschlands gehört. Brennnessel (Urtica dioica) wird von Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Distelfalter, Admiral und Landkärtchen frequentiert. Insgesamt legen hier 37 Schmetterlingsarten ihre Eier ab.
Das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs und der Admiral, drei der farbenprächtigsten und bekanntesten heimischen Falter, sind allesamt vollständig auf die Brennnessel als Raupenfutterpflanze angewiesen. Ohne Brennnessel keine Raupen, ohne Raupen keine Falter.
Wichtig ist dabei: Die Brennnessel sollte sonnig stehen. Die wichtigste Raupenfutterpflanze ist die Große Brennnessel, sie sollte einen sonnigen Platz haben und regelmäßig portionenweise zurückgeschnitten werden. Die meisten Schmetterlinge bevorzugen für die Eiablage junge Pflanzen. Eine Brennnessel im Schatten und permanent abgemäht ist für Schmetterlinge weitgehend wertlos.
Der Schwalbenschwanz und seine Doldenblütler
Der Schwalbenschwanz ist der größte heimische Tagfalter und für viele Menschen der Inbegriff von Schmetterlingspracht. Seine Raupen fressen Wilde Möhre, Dill, Fenchel, Gartenmöhren und Pastinak. Das sind allesamt Doldenblütler, und wer im Garten Dill oder Fenchel anbaut, hat gute Chancen, irgendwann die charakteristisch gestreifte Raupe zu entdecken.
Der Schwalbenschwanz ist kein häufiger Gast mehr. Sein Rückgang hängt direkt mit dem Verschwinden der Wilden Möhre aus der Agrarlandschaft zusammen. Wo früher Ackerränder und ungemähte Wegseiten standen, wachsen heute entweder uniformes Gras oder saubere Beete. Der Schwalbenschwanz findet einfach keinen Platz mehr.
Der Zitronenfalter und seine unbedingte Treue
Der Zitronenfalter ist einer der ersten Schmetterlinge, die im Frühling unterwegs sind, oft schon im März. Was viele nicht wissen: Der wissenschaftliche Name des Zitronenfalters, Gonepteryx rhamni, weist auf die Hauptnahrungspflanze der Raupen hin, nämlich Faulbaum (Rhamnus frangula oder Frangula alnus) und auch Kreuzdorn (Rhamnus cathartica).
Zitronenfalter legen ihre Eier ausschließlich an Faulbaum oder Kreuzdorn. Das ist ein Paradebeispiel für die enge Bindung vieler Schmetterlingsarten an ganz bestimmte Pflanzen. Kein Faulbaum, kein Zitronenfalter. So einfach ist die Gleichung.
Die gute Nachricht: Bereits mit einem einzelnen Faulbaumstrauch lassen sich auch im Garten gute Eiablageplätze schaffen. Wer also Platz für einen Strauch hat, kann direkt etwas bewegen.
Der Aurorafalter und das Wiesenschaumkraut
Der Aurorafalter, den man am leuchtend orangefarbenen Flügelfleck der Männchen leicht erkennt, ist auf Kreuzblütler angewiesen. Eine große Kapuzinerkresse wird womöglich vom Großen Kohlweißling, die weiß blühenden Knoblauchsrauken vom Aurorafalter mit Eiern belegt. Das Wiesenschaumkraut ist eine der bevorzugten Wirtspflanzen, und wer schon einmal im April durch eine feuchte Wiese mit rosa Wiesenschaumkrautblüten gegangen ist, hat vielleicht auch den Aurorafalter dabei gesehen. Diese Wiesen werden aber immer seltener, weil früh gemäht wird, bevor der Schmetterling seine Eier ablegen oder die Raupen sich entwickeln können.
Die Bläulinge: zierlich, spezialisiert, bedroht
Die Bläulinge sind eine ganze Faltergruppe, die besonders unter dem Verlust von Magerrasen und extensiv genutzten Wiesen leidet. Wenn man einige sonnige Bodenstellen offen hält und dort Hornklee beziehungsweise den Kleinen Sauerampfer kultiviert, dann hat man gute Chancen, dass der Gewöhnliche Bläuling oder der Kleine Feuerfalter Eier ablegt.
Viele Bläulinge haben darüber hinaus eine faszinierend komplizierte Lebensweise: Manche Arten sind so spezialisiert, dass ihre Raupen für einen Teil ihrer Entwicklung in Ameisennestern leben. Solche engen ökologischen Beziehungen machen sie extrem anfällig für jede Veränderung in ihrem Lebensraum.
Was Sie konkret tun können: Praxistipps für Garten und Balkon
Hier hört man manchmal den Einwand: „Mein Garten ist zu klein, das macht doch keinen Unterschied.” Das stimmt nicht. Jede Brennnesselecke, jeder Faulbaumstrauch, jede ungemähte Ecke zählt. Schmetterlinge orientieren sich nicht an Grundstücksgrenzen. Wenn viele kleine Gärten das Richtige anbieten, entsteht ein Netz aus Trittsteinbiotopen, das für die Tiere nutzbar ist.
Die Brennnesselecke: unterschätzt und überfällig
Suchen Sie sich eine sonnige, ruhige Ecke im Garten, am besten windgeschützt. Dort darf die Brennnessel wachsen, und sie sollte auch wirklich wachsen dürfen. Nicht ständig mähen, nicht ausreißen, wenn die Raupen kommen. Gerade die Phase, in der die Raupen fressen, ist für viele Gartenbesitzer ein Test: Lassen Sie es zu. Was kahl gefressen aussieht, ist im Herbst längst wieder nachgewachsen, und der Falter, der daraus schlüpft, bereichert Ihren Sommer.
Ein Tipp aus der Praxis: Schneiden Sie einen Teil der Brennnessel im Juni zurück, damit frische, junge Triebe nachwachsen. Viele Falter legen ihre Eier bevorzugt an jungen Pflanzen ab. Wer seine Brennnesselecke geschickt bewirtschaftet, kann so zwei Generationen pro Jahr unterstützen.
Heimische Gehölze als Lebensversicherung
Faulbäume sind nicht nur wichtige Bienenweiden. Sie sind auch Futterpflanze für die Raupen von 28 weiteren Schmetterlingsarten, darunter der Faulbaum-Bläuling. Ein einziger heimischer Strauch kann also für eine ganze Gemeinschaft von Insekten relevant sein. Das unterscheidet heimische Gehölze grundsätzlich von vielen Zierpflanzen, die aus anderen Erdteilen stammen.
Auch Schlehe, Weißdorn und Holunder sind wertvolle Wirtspflanzen und bieten gleichzeitig Nistmöglichkeiten für Vögel. Wer Platz hat, sollte beim nächsten Kauf im Gartencenter bewusst nach heimischen, ökologisch wertvollen Arten fragen, statt nach der nächsten Hybridrose.
Wildkräuter zulassen, Ordnung überdenken
Der sauberste Garten ist biologisch der ärmste. Das klingt hart, ist aber so. Wir brauchen etwas Wildnis, weniger aufgeräumte, sterile Flächen aus englischem Rasen oder Steinen. Wer bereit ist, eine Ecke des Rasens stehen zu lassen und Wildkräuter zu dulden, tut mehr für die Artenvielfalt als jeder Schmetterlingskasten es je könnte.
Konkret bedeutet das: Nicht jede Pflanze, die von selbst aufgeht, ist ein Unkraut. Wiesenschaumkraut, Wilder Dost, Margerite, Hornklee und viele andere Wildpflanzen siedeln sich von selbst an, wenn man sie lässt. Diese „Selbstansiedler” sind oft genau die Pflanzen, die einheimische Insekten brauchen.
Pestizide weglassen: konsequent und ohne Ausnahme
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt. Pestizide werden jedes Jahr tonnenweise auf Feldern, in Schutzgebieten und direkt vor unseren Haustüren versprüht. In Kommunen und im privaten Garten werden Pestizide meist aus ästhetischen Gründen verwendet. Sie sollen für unkrautfreie Beete, Wege und Straßen sorgen.
Wer Schmetterlinge in seinen Garten einladen möchte, muss auf jeden chemischen Pflanzenschutz und auf Insektenvernichter verzichten. Das gilt auch für Mittel, die auf den ersten Blick harmlos wirken. Schneckenkorn, das Metaldehyd enthält, tötet auch andere Bodenbewohner. Systemische Fungizide können sich im Boden anreichern. Im naturnahen Garten gibt es Alternativen zu fast jedem chemischen Mittel.
Der Herbstputz: ein gut gemeinter Irrtum
Viele Menschen schneiden ihren Garten im Oktober penibel zurück, damit er „ordentlich” in den Winter geht. Das ist aus Schmetterlingssicht ein Problem. Puppen überwintern in hohlen Stängeln, im Laub, an Zweigen. Wer alles abschneidet und wegräumt, vernichtet die nächste Generation.
Die einfache Regel: Stängel stehen lassen bis März, Laub erst dann entfernen, wenn der Neuzuwachs beginnt. Was unordentlich aussieht, ist für Hunderte von Insektenarten überlebenswichtig.
Sonnige, windgeschützte Plätze: oft vergessen
Schmetterlinge sind wechselwarme Tiere. Sie brauchen Wärme, um aktiv zu sein, sich zu paaren und Eier zu legen. Ein Garten ohne sonnige Flächen, ohne Stellen, die sich mittags aufheizen, ist für viele Falterarten schlicht unbrauchbar. Flache Steine, kahle Sandflächen, südexponierte Beete, das alles ist wertvoller Schmetterlings-Lebensraum. Es muss nicht viel sein, aber es muss vorhanden sein.
Stadtgärten, Balkone, Gemeinschaftsflächen: Auch Kleinräume zählen
Auch wer keinen eigenen Garten hat, ist nicht machtlos. Auf dem Balkon lassen sich Dill, Fenchel und Petersilie anbauen, die alle als Futterpflanzen für Schwalbenschwanz-Raupen dienen können. Eine Schale mit blühendem Hornklee zieht Bläulinge an. Selbst die Wahl des Kübelpflanzensortiments macht einen Unterschied: Heimische Wildkräuter statt eintöniger Geranien.
Auf Gemeinschaftsflächen, in Wohnquartieren oder Parks, lohnt es sich, das Gespräch mit Hausverwaltungen und Kommunen zu suchen. „Wir brauchen endlich eine naturverträglichere Landwirtschaft und wir müssen Lebensräume für Schmetterlinge auch in unseren Städten schaffen.” Das ist keine Forderung, die nur an die Politik gerichtet ist. Sie beginnt vor der eigenen Haustür.
Ein Blick nach vorn: Gibt es Grund zur Hoffnung?
Ja, den gibt es. „Mittlerweile würde ich, so das Fazit, das Jahr als durchwachsen sehen. Es ist nicht ganz so schlimm wie befürchtet, aber auch nicht so gut, wie wir erhofft hatten”, sagte Elisabeth Kühn, Schmetterlingsexpertin und Koordinatorin des Tagfalter-Monitorings. Keine jubilierende Entwarnung, aber auch kein Grund zur Resignation.
Überall im Land entstehen Blühstreifen, naturnahe Gärten werden mehr, und das Bewusstsein für das Thema wächst. Bürgerwissenschaftliche Zählaktionen wie die des NABU erfassen inzwischen verlässliche Daten, auf deren Grundlage bessere Schutzmaßnahmen entwickelt werden können. Naturschutzgebiete werden neu bewertet, und die Diskussion um eine gerechtere Agrarpolitik, die Insekten berücksichtigt, wird lauter.
Was diese flüggen Juwelen brauchen, ist im Kern einfach: die richtigen Pflanzen, ein bisschen Wildnis, und Menschen, die sie nicht als Schädlinge betrachten, sondern als das, was sie sind. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Lebensraum noch funktioniert.
Fazit: Fangen Sie heute an
Wer nach diesem Text zum Fenster schaut und seinen Garten, seinen Balkon, seine Umgebung mit anderen Augen sieht, hat schon einen wichtigen Schritt getan. Der nächste könnte ein Faulbaumstrauch sein, der nächsten Frühling im Boden landet. Oder eine Brennnesselecke, die von nun an in Ruhe gelassen wird. Oder einfach die Entscheidung, kein Insektenspray mehr zu kaufen.
Schmetterlinge brauchen keine groß angelegten Schutzprogramme, um in unserem Garten zu überleben. Sie brauchen die richtigen Pflanzen, etwas Unordnung, und Leute, die sich trauen, das als Qualität zu sehen. Ein Garten, in dem der Zitronenfalter im März um den Faulbaum kreist und die Brennnessel im Sommer von Raupen des Tagpfauenauges kahl gefressen wird, das ist kein vernachlässigter Garten. Das ist ein lebendiger.
